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Buon giorno. Vier Positionen Südtiroler Kunst im Gironcoli Museum

Der Verein der Freunde des Gironcoli Museums zeigt in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Künstlerbund Werke von Gino Alberti, Claudia Barcheri, Martina Drechsel und Irene Hopfgartner.

 

Vernissage: 18. September 2010, 11.30 Uhr.

Sich mit den Räumen des Gironcoli Museums auseinanderzusetzen, ist für Künstler eine große Herausforderung. Bruno Gironcolis raumgreifende und dominante Skulpturen einerseits als Rahmensetzung und Dialogmöglichkeit anzunehmen, andererseits die eigenen Positionen entsprechend zu platzieren, war eine interessante Aufgabe für die vier Südtiroler Künstlerinnen und Künstler, der sie mit jeweils unterschiedlichen Mitteln, Medien, Interventionen und Strategien begegnet sind. Buon giorno, guten Tag, deswegen, da sich die vier mit dieser Ausstellung einem neuen Publikum vorstellen, aber auch als kleine Reminiszenz an den eindrücklichen Besuch der Abendbar „Buona sera“ im Anschluss an den ersten Besuch des Gironcoli Museums.

Gino Alberti zeichnet im Gironcoli Museum direkt auf die Wandpanele; so entstehen großformatige Landschaftsbilder, auf die er wiederum kleinere Zeichnungen und Skizzen als lose Blätter in ungeordneter Form anbringt. Die Landschaft im Hintergrund weist keinerlei Spuren menschlicher Präsenz auf. Gino Alberti bezieht sich in dieser Arbeit inhaltlich auf die romantische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, in der die Natur eine metaphysische Dimension hatte und einen Bezug zum Transzendentalen suchte. Im Gegensatz zu diesen symbolisch aufgeladenen Landschaften stehen die gezeichneten Alltagsgeschichten auf kleinen Papierformaten. Einige Arbeiten haben durch die Art der Darstellung und der Verwendung von Sprechblasen einen comicartigen Charakter; auf anderen Blättern hingegen greifen Text- und Bildfragmente nahtlos ineinander und erzeugen eine Bildsprache, die an die Tradition bekannter Street Art Künstler anknüpft. Zeichnungen sind für Gino Alberti Psychogramme ganz bestimmter Momente seines Lebens. Die Bilder erzählen keine konkrete Geschichte, sondern reihen sich assoziativ wie Gedanken und Gefühle aneinander; in ungeordneter Form, so wie das Leben eben ist. Das Medium der Zeichnung, als etwas Schnelles, Fragiles, Momentanes, entspricht dabei seinem Bedürfnis nach Provisorischem in der Kunst. Darüber hinaus zeigt Gino Alberti eine Skulptur, eine Art Turm, aus übereinander gestapelten Kartonen und Schachteln, die wahlweise innen wie außen mit comicartigen Bildsequenzen bemalt sind. Dabei bezieht er sich auf politische sowie zeitgeschichtliche Themen und Ereignisse. Gino Alberti, geboren 1962 in Bruneck, hat Kunst und Design an der Accademia L. Cappiello, Florenz, studiert; längere Aufenthalte in Florenz, Berlin, Kiel und Wien.



Claudia Barcheri konzipiert ihre Objekte und Installationen meist für einen konkreten Ausstellungsraum, mit dem die Arbeiten in Dialog treten. Die Formen und Motive sind dabei im weitesten Sinne der Welt des Organischen entnommen: Gewächse, vegetabile Strukturen, Körperteile und parasitäre Erscheinungen. Haut, Hülle und Körper sind ihre Themen; darüber hinaus die Phänomene, die an der Oberfläche, der Schnittstelle zwischen Innen und Außen, vorkommen: Befall, Zerstörung, Wucherung, Destruktion oder Veränderung der Form. Claudia Barcheri setzt dabei häufig auf das Element der Wiederholung einzelner Formen, um konträr zum Inhalt, die Form ästhetisch aufzuladen. In der Ausstellung zeigt sie zwei Installationen. In der ersten Arbeit „überzieht“ sie eine der Säulen im oberen Raum. Wie von einer Kletterpflanze überwuchert und verdeckt, verschwindet der Pfeiler für die Betrachter und wird in seiner Funktion als architektonisches Stützelement aufgelöst. Farbe und Form lehnen sich an vegetabile Vorlagen an. Die gewellte Oberfläche erweckt den Eindruck von Schwung und Bewegung. Diese Dynamik, aber auch das Üppige, Schwulstige und Dekorative verleihen der Arbeit einen barocken Charakter. Die zweite Arbeit besteht aus Abgüssen menschlicher Knochen, die in absurder Weise zu einer neuen Form zusammengesetzt werden. Der menschliche Knochenapparat wird hier sozusagen demontiert und auf groteske Weise neu geordnet. Wie raumgreifende Antennen, die sternförmig von einem Mittelpunkt ausgehen, steht die Skulptur im Raum. Claudia Barcheri, 1985 in Bruneck geboren, studiert seit 2008 an der Akademie der Bildenden Künste bei Olaf Metzel.




Martina Drechsel zeigt eine Serie von Zeichnungen, die sie auf verstellbaren Tafeln, ähnlich einer Google Bildersuche, präsentiert. Jedes Blatt erzählt zwar seine eigene Geschichte, alle zusammen erzählen sie jedoch von verschiedenen Aspekten eines großen Themas. In ihrer künstlerischen Arbeit setzt sich Martina Drechsel mit weiblichen Verhaltenmustern auseinander, mit Rollenspielen und doppeldeutigen Codes des Weiblichen: Macht und Aufopferung, Verführen und Verführt werden, Heldentum und Panik, Stärke und Verlorensein, Anpassung und Rebellion, Fordern und Überfordertsein. Mit humorvollen, provozierenden und ironischen Eingriffen dekonstruiert sie Bildmuster von und auf Weiblichkeit. Romantisch ist hier gar nichts mehr. Neben den Zeichnungen zeigt Martina Drechsel Videoarbeiten. Flegelhaftes, Burschikoses, Derb-Surreales und Grotesk-Absurdes gemischt mit schwärmerischer Mädchen-Ironie findet man sowohl in den Zeichnungen als auch in den Videos. Ihre Arbeiten kommen in ihrer comicähnlichen Ausführung unverschlüsselt daher, zugänglich und laut: dahinter jedoch entfaltet sich die schonungslose Auseinandersetzung der Künstlerin mit der stereotypen Maskerade des Weiblichen; wobei diese künstlerische Auseinandersetzung immer auch eine mit der eigenen Weiblichkeit ist. Martina Drechsels Arbeiten sind poetisch und hart, ironisch und tiefgründig zugleich. Die 1966 in Bozen geborene Künstlerin hat Graphik studiert in Rom und Paris und viele Jahre in Frankreich und Deutschland gearbeitet. Sie lebt derzeit wieder in Südtirol.



Irene Hopfgartner kombiniert in ihrer künstlerischen Arbeit installative Situationen mit Zeichnungen, Objekten und Fotografie. Dabei setzt sie sich mit existenziellen Themen wie Leben und Tod, Eros und Thanatos, mit dem Spiel zwischen Sein und Schein auseinander. Sie stellt Fragen nach Natürlichkeit und Künstlichkeit, in überraschender, poetischer und manchmal auch irritierender Weise. Es geht ihr dabei um die Verzauberung und Entzauberung des Leblosen und Lebendigen. Irene Hopfgartner zeigt Objekte, u.a. transparente Plastikkissen, auf denen sie ein ausgestopftes Reh in Form eines Schwimmreifens platziert. Eine Schaukel baumelt vom Gebälk der Decke, festgemacht mit Zöpfen. Teil der Installation sind auch Fotografien, in denen sie die Nacktheit des menschlichen Körpers mit ausgestopften Tieren und eigens für die Fotoarbeiten präparierten Tierobjekten, wie etwa ein Steckenpferd mit einem Rehkopf, kombiniert. Darüber hinaus ist ein Video zu sehen. Irene Hopfgartner arbeitet mit Erinnerungen und Symbolen, besonders mit Natursymbolik. Sie eröffnet diese Ausstellung mit einer Performance (gemeinsam mit dem Musiker Ivo Forer): in „plastic ritual“ thematisiert sie die konträren Energien des Wachstums und der Zerstörung. Mit akustisch verstärktem Violoncello bearbeitet sie das Motiv der Wiederholung und Erinnerung performativ. Irene Hopfgartner ist Mitglied der Band „sense of akasha“ (postrock), in der sie Violoncello spielt und singt. Die Schnittstellen zwischen Kunst und Musik werden in ihrer Arbeit zunehmend wichtiger. Die 1986 in Bruneck geborene Künstlerin und Musikerin hat von 2005 bis 2008 an der Accademia di Belle Arti di Venezia studiert und studiert nun seit zwei Jahren Fotografie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.



Bezüge der verschiedenen künstlerischen Positionen zu Bruno Gironcolis Arbeiten sind vielleicht vordergründig nicht ganz einfach auszumachen, auf einen zweiten Blick jedoch lassen sie sich durchaus finden: Claudia Barcheris Verwendung vegetabiler Strukturen zum Beispiel stellt eine Verbindung zu Bruno Gironcoli her, auch bei ihm finden pflanzliche Elemente häufig Verwendung. Ebenso die Auseinandersetzung mit Eros und Thanatos bei Irene Hopfgartner oder die comicartigen Elemente bei Martina Drechsel und Gino Alberti lassen gedankliche Querverbindungen zu. Susanne Bart

Dauer der Ausstellung: 18. September bis 31. Oktober 2010, täglich 10.00 bis 17.00 Uhr.


Mit Dank an: Susanne Barta, Lisa Trockner, Gino Alberti, Claudia Barcheri, Martina Drechsel und Irene Hopfgartner.